„Die Unternehmen in Brandenburg haben enorm viel geleistet“

Mehr als das 14-fache an Anträgen hat die Investitionsbank des Landes Brandenburg (ILB) im Corona-Jahr 2020 bearbeitet. Jetzt geht es darum, die Wirtschaft nachhaltig zu stärken. Wie das gelingen kann, darüber haben wir mit ILB-Vorstand Christian Kistner gesprochen.

Herr Kistner, anderthalb Jahre Corona-Pandemie liegen hinter uns. Wo steht die Wirtschaft derzeit?

Christian Kistner: Die Situation der Wirtschaft ist aktuell besser, als vielfach wahrgenommen. Zweifellos haben bestimmte Branchen wie z. B. das Gastgewerbe oder die Tourismuswirtschaft ganz besonders unter der Pandemie gelitten und bedürfen auch weiterhin der Unterstützung. Insgesamt kann man jedoch festhalten, dass die Corona-Sonderprogramme Wirkung gezeigt haben. Eine große Insolvenzwelle, von der viele gesprochen haben, ist bis jetzt nicht gekommen. Und ehrlich gesagt, sehe ich sie auch nicht kommen. Der überwiegende Teil der brandenburgischen Wirtschaft hat mit Pragmatismus, Ideenreichtum und harter Arbeit die Pandemie gut überstanden. Vor dieser unternehmerischen Leistung habe ich großen Respekt.

Wie hat sich Pandemie auf die Arbeit der ILB, Ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, ausgewirkt?

Christian Kistner: Kurzgesagt, es war eine Mammutaufgabe! Auf eine solche Ausnahmesituation kann sich eine Organisation nicht vollumfänglich vorbereiten, sondern muss auch flexibel genug sein, mit Herausforderungen umzugehen. In einem normalen Jahr bearbeitet die ILB etwa 5.000 Anträge. In 2020 waren es rund 70.000 Anträge. Mehr als 250 Mitarbeiter – ein Drittel unserer Belegschaft – haben ausschließlich an den Corona-Sonderprogrammen mitgearbeitet. Wir haben das als gemeinsame Aufgabe der gesamten Bank begriffen und gut bewältigt, auch wenn die Belastung weiterhin hoch bleibt. Wir zahlen ja nicht nur die Fördermittel aus, sondern müssen jedes einzelne Programm bis es abschließend abgerechnet ist begleiten.

So eine Aufgabe geht nicht spurlos an einer Institution vorüber, wie wurde das in den letzten Monaten von den ILB-Mitarbeitern reflektiert?

Christian Kistner: Für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter war das eine große Belastung, aber auch eine große Motivation. Zu sehen, dass man mithelfen kann die wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie für die Menschen und Unternehmen in Brandenburg abzumildern war für alle ein richtiger Schub. Gefreut hat uns auch die in den meisten Fällen positive Rückmeldung aus der Wirtschaft und der Politik. Natürlich gibt es auch Menschen, die sagen, dies oder jenes hätte man einfacher oder schneller machen können. Dabei wird jedoch oft vergessen, dass die Richtlinien der Corona-Hilfsprogramme durch die Politik festgelegt sind und es nur begrenzte Möglichkeiten für pragmatische Lösungen durch die ILB gibt. Denn bei den Fördermitteln handelt es sich um Steuergelder, die uns anvertraut sind und die wir mit der nötigen Sorgfalt auszuzahlen haben, darin liegt unsere Verantwortung.

Gab es Prozesse innerhalb der ILB, die Sie neu anschieben mussten, die vielleicht geplant waren, jetzt aber schneller umgesetzt wurden?

 

 

Christian Kistner: Wie alle Unternehmen und Institutionen bis in die Ministerien hinein standen wir vor der Herausforderung, unsere IT auf ein ganz anderes Level zu heben. Der Unterschied bestand bei uns jedoch darin, dass wir das buchstäblich über Nacht leisten mussten. Am 22. März 2020 liefen bei uns rund 20.000 Anträge auf Soforthilfe über das Antragsportal ein. Außerdem haben wir in kürzester Zeit für die vielen Anrufe eine Hotline geschaltet, wie bei einem Call-Center. Wir hatten innerhalb von wenigen Tagen mehr als 25.000 Kundenanfragen zu beantworten, die per E-Mail oder Telefon eingegangen sind. In Rekordzeit wurde zusätzliches Personal eingestellt und Mitarbeiterkapazitäten zusammengezogen, um diese Welle abarbeiten zu können. Natürlich kamen wir auch an Grenzen. Wir mussten oftmals sehr stark improvisieren, das hat aber gut funktioniert und eine Menge Erfindergeist bei unseren Beschäftigten freigesetzt. Die in dieser Zeit gesammelten Erfahrungen fließen aktuell in die weitere Optimierung unserer IT und unseres Kundenservices ein. 

Kann man sagen, dass die ILB gestärkt aus der Pandemie hervorgeht?

Christian Kistner: Ja, zweifellos. Ich denke, dass das Bewusstsein für eine gut funktionierende Förderbank wie die ILB in der Öffentlichkeit gewachsen ist. Wir konnten zeigen, dass wir die Programme des Landes, des Bundes und der EU auch unter Extrembedingungen erfolgreich abwickeln können. Das stärkt uns natürlich auch für die Aufgaben in der kommenden Förderperiode der EU.

Aus der Pandemie-Zeit haben Sie beste Kenntnisse über die Finanzkraft und die wirtschaftliche Situation der brandenburgischen Unternehmen. Wie ist deren Eigenkapitalstärke vielleicht auch verglichen mit anderen Bundesländern?

Christian Kistner: Im Vergleich zu den westlichen Bundesländern hatten viele brandenburgische Unternehmen oft weniger Zeit und Möglichkeiten, Eigenkapital aufzubauen. Das muss aber kein Nachteil sein. Es zwingt die Unternehmerinnen und Unternehmer schon früh auf die Marktveränderungen zu reagieren und ihr Geschäftsmodell durch Innovationen und Investitionen entsprechend anzupassen. Man sollte nicht schauen, was andere mehr haben, sondern was wir besser können. Und wir können Vieles besser.

Nach den Corona-Hilfsprogrammen geht es nun darum die Wirtschaft nachhaltig zu stärken. Wie kann die ILB dabei helfen?

 

 

Christian Kistner: Die ILB ist mit ihren Förderprogrammen sehr breit aufgestellt. Wir bieten der Brandenburger Wirtschaft heute schon einen Mix an Unterstützungen an, damit die Unternehmen mit ihrem jeweiligen Geschäftsmodel für die Herausforderungen der Zukunft gerüstet sind. Investitionsförderung von heute bedeutet, dass nicht nur Baumaßnahmen auf den Weg gebracht werden müssen, sondern von der Digitalisierung über die Weiterbildung bis hin zu High-Tech-Entwicklungsprojekten alles zusammengedacht werden muss. Dafür ist die ILB mit ihren Förder- und Kreditprogrammen gut aufgestellt und kann passgenaue Lösungen anbieten.

Können Sie uns ein paar Highlights nennen?

Christian Kistner: Das Programm „GRW-G“ läuft nach wie vor sehr gut. Es ist eines der wichtigsten Programme für die Strukturentwicklung in der brandenburgischen Wirtschaft. Mit „RENplus“ wiederum fördern wir Maßnahmen, die die Energieeffizienz in Unternehmen steigert. Bis Juni haben wir bereits rund 100 Projekte zugesagt und wir sehen eine weiterhin hohe Nachfrage. Über „ProFIT Brandenburg“ gibt es Unterstützung, um die Innovationsfähigkeit und Digitalisierung von Unternehmen zu stärken. Das ist auch eines der zentralen Themen der neuen EU-Förderperiode.

Apropos EU: Die neue Förderperiode läuft seit Anfang des Jahres. Die Wirtschaft setzt darauf, dass für Brandenburg die maximalen Fördermittel genutzt werden. Zeichnen sich wesentliche Veränderungen ab?

Christian Kistner: Die wichtigsten Förderprogramme werden weitergeführt, soviel kann man schon sagen. Wir bringen uns bei der Vorbereitung der Förderperiode aktiv als Berater der Landesregierung ein und sind in der ILB dabei, die technischen Voraussetzungen für einen guten Start aller Förderprogramme zu schaffen. Dabei geht es uns auch darum, am Bürokratieabbau aktiv mitzuwirken, die Programme kundenfreundlicher zu gestalten und eine reibungslose Kommunikation mit den Unternehmen, insbesondere auch mit den Kammern, vorzubereiten. Im Mittelpunkt der politischen Zielsetzungen stehen Forschung, Entwicklung und nachhaltige Technologien sowie die Herausforderungen des Klimawandels. In diesen Bereichen haben wir im Energieland Brandenburg gute Chancen, weiter und vor allem nachhaltiger zu wachsen. Das werden wir mit den entsprechenden Förderprogrammen auch tun.

Mit Berlin haben Sie die Start-up-Metropole Deutschlands direkt nebenan. Welche Rolle spielen Existenzgründungen und Venture Capital in Brandenburg?

Christian Kistner: Berlin hat natürlich eine hohe Strahlkraft. Das ist für Brandenburg ein echter Wettbewerbsvorteil, denn die Region wird ja als Ganzes wahrgenommen. Wir als ILB verstehen uns für die Gründer*innen und unsere Startups immer zuerst als Beraterbank und binden für sie den passenden Strauß an Förder- und Kreditprogrammen für die Existenzgründung. Wir wollen ihnen nicht nur Fördermittel geben, sondern auch auf dem Weg zum Erfolg begleiten. Für dieses Jahr haben wir rund 30 Millionen Euro an Venture Capital-Volumen geplant. Im letzten Jahr setzten wir damit etwa 150 Vorhaben um. Mit unserer Tochter, der Brandenburg Kapital GmbH, investieren wir frühzeitig und gezielt in junge Unternehmen mit vielversprechenden Geschäftsmodellen. Wir nutzen dabei aktiv unsere besondere Stellung als Förderbank, denn es ist nicht das Geschäftsmodell von normalen Geschäftsbanken, Startups oder risikobehaftete Gründungen zu finanzieren.

Welche Projekte verfolgt die ILB selbst, um noch digitaler und vielleicht auch besser zu werden?

Christian Kistner: In der letzten EU-Förderperiode haben wir erstmals ein Kundenportal an den Start gebracht. Da war es uns wichtig, neue Akzente zu setzen. Inzwischen haben wir damit Erfahrungen gesammelt und wissen auch um die Schwachstellen. Wir sind jetzt mit anderen Förderbanken dabei, ein neues Kundenportal zu erstellen, das den aktuellen Ansprüchen gerecht wird. Ende 2022 wollen wir die optimierte Nutzung unseres Kundenportals ermöglichen.

Ein anderes wichtiges Thema in diesem Zusammenhang ist Cybersecurity und die Gewährleistung von Systemstabilität und Datensicherheit. Mit jeder neuen Schnittstelle werden IT-Systeme angreifbarer, was man an der wachsenden Zahl an Cyberangriffe auf Universitäten, Krankenhäuser, Unternehmen und Banken erkennen kann. Wir müssen demzufolge sehr genau abwägen zwischen Bedienerfreundlichkeit und Schnelligkeit auf der einen Seite und der Sicherheit der IT Systeme und Daten auf der anderen Seite.

Stichwort Zukunft: Die ILB unterstützt seit vielen Jahren den Zukunftspreis Brandenburg. Welche Bedeutung hat der Wettbewerb in Ihren Augen?

Christian Kistner: Er ist für Unternehmen eine tolle Möglichkeit, sich ins Rampenlicht der Öffentlichkeit zu bringen und zu zeigen, was man leistet. Was mich wirklich begeistert, ist, dass es nicht nur darum geht, hohe Gewinne oder mehr Umsatz zu erzielen, sondern eben auch die gesellschaftliche und soziale Komponente in die Bewertung einfließt. Wir brauchen Unternehmen, die hier verwurzelt sind, die hier bleiben und die sich ihrer Verantwortung als Unternehmer bewusst sind. Genau dafür stehen die zwölf Finalisten des Wettbewerbs.


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